Resilienz ist kein Glücksgefühl

Vielleicht überschätzen wir das Glück.

Nicht das Glück selbst. Es gibt wenig, gegen das etwas einzuwenden wäre, wenn es uns unverhofft begegnet.
Wir überschätzen seine Bedeutung – und das umso mehr, seit wir über Social Media angefangen haben, uns gegenseitig hauptsächlich den perfekten Teil unserer Welt zu zeigen.

Das Leben der anderen ist unser Maßstab. Wenn sich unser Leben leicht anfühlt wie das der andern, glauben wir, auf dem richtigen Weg zu sein. Ist es schwer, zweifeln wir an allem und uns selbst. Als müsste uns das Leben fortwährend bestätigen.

Glücksgefühle werden zum inneren Kompass:
Bin ich mit dem richtigen Menschen zusammen?
Habe ich den richtigen Beruf gewählt?
Wohne ich am richtigen Ort?

Am Ende muss sich alles „richtig“ anfühlen und mit der „Welt der andern“ mithalten können. Tut es das nicht, beginnen wir zu suchen, was wir falsch gemacht haben.

Nach fast 30 Jahren, in denen ich mich beruflich mit diesen Themen beschäftige (auch akademisch), fallen viele Nebensächlichkeiten weg und die Essenz macher Dinge kommt zum Vorschein.

Ein Leben kann schwer sein und dennoch richtig. Es kann uns müde machen, ohne uns zu vernichten. Es kann uns ängstigen und gerade deshalb von Bedeutung sein.

Wer ein Kind hat, weiß das! Wer anfängt, etwas Eigenes aufzubauen, weiß es! Wer einen Menschen liebt, weiß es spätestens dann, wenn die Möglichkeit des Verlustes nicht mehr bloß ein Gedanke ist.

Das Angenehme und das Wertvolle sind eben nicht dasselbe. Wir haben nur angefangen, sie miteinander zu verwechseln.
Das Leben verlangt gar nicht, dass man sich darin immer wohl fühlt. Es verlangt nur, dass man sich ihm stellt – auch und gerade dort, wo es schwer wird.

Vielleicht sollte man deshalb nicht so allzuoft fragen, ob man glücklich ist.

Man sollte sich fragen, ob man noch lebendig ist. Ob einem das Leben noch etwas bedeutet. Ob man es bejaht trotz seiner Niederschläge und Verletzungen. Ob man noch neugierig ist. Ob man derzeit ein gutes Vorbild für sein jüngeres Ich wäre. Ob man Achtung und Respekt vor sich selbst hat. Ob man noch Entscheidungen trifft trotz der eigenen Angst. Ob es Menschen außerhalb der Familie gibt, für die man, ohne zu zögern, nachts um drei ins Auto steigen würde.

Das sind vielleicht keine angenehmen Fragen. Aber möglicherweise liegt in empfundenem Schmerz über manche Antwort mehr Lebensweisheit als in jedem Hochglanzselfie.

Manches versteht man erst, wenn man es durchlebt hat – und durchlitten hat. Eine Ehekrise. Einen Abschied. Einen Zerbruch. Einen Anfang, den man sich anders vorgestellt hatte. Die Jahre, in denen man merkt, dass man nicht mehr der Mensch ist, der man sein wollte — und vielleicht allmählich der wird, der man sein kann.

Das alles macht nicht unbedingt glücklich. Aber es macht das Leben wirklich.

„Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“
(Goethe)

Auf den Wechsel – darauf kommt es an. Auf die Höhen und Tiefen. Dass etwas kommt und wieder geht. Dass wir gewinnen und verlieren. Dass wir uns irren und neu beginnen. Dass wir geliebt werden und eines Tages Abschied nehmen müssen. Dass es Tage gibt, an denen uns die Welt leichtfällt, und andere, an denen schon das Aufstehen eine Entscheidung ist.

Man kann sich dagegen absichern. Man kann sein Leben so einrichten, dass möglichst wenig geschieht, was einen erschüttert. Man kann sich bis zur absoluten Perfektion selbstoptimieren.

Nur wird man damit nicht unbedingt glücklicher. Man wird vor allem weniger verwundbar. Und das ist nicht dasselbe.

Und dieser Zustand ist auch etwas anderes als tatsächliche Resilienz. Resilienz ist keine Frage der Selbstoptimierung. Resilienz ist eine Frage der richtigen Einstellung zum Leben. Trotz allem!

Ich jedenfalls möchte weniger ein endlos glückliches Leben leben, als vielmehr eines, in dem mir Menschen und Dinge etwas bedeuten. Eines, in dem ich mich freuen kann, ohne die Freude festhalten zu wollen; in dem ich trauern darf, ohne die Trauer für einen Irrtum zu halten; in dem ich etwas wage, obwohl ich den Ausgang nicht kenne. Ein Leben, das nicht ständig beweisen muss, dass es das richtige ist.

Vielleicht genügt es, wenn man am Ende sagen kann: Ich habe es nicht immer leicht gehabt.

Aber ich war da.

 

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